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aus dem

Leben eines Taubstummen


Eine Autobiographie

des

Taubstummen O. Fr. Kruse


Altona,

im Selbstverlag des Verfassers.

1877.


In seiner Autobiographie, die Otto Friedrich Kruse im Oktober 1876 fertigstellte und sie ein Jahr später veröffentlichte, vergleicht er sein Buch mit einem „Schiffchen, an welchem der 76jährige Zimmermann mit fast jugendlicher Kraft gearbeitet hat“ und wünscht, dass „es glückliche Fahrten mache und heimbringe der Schätze viele…“

Ein glücklicher Umstand brachte dieses Buch 144 Jahre später in meine Hände. Barbara hatte die Idee, es mir zu geben. Sie weiß, wie sehr mich Autobiographien interessieren. Nachdem ich die ersten Zeilen gelesen habe, konnte ich nicht mehr aufhören zu lesen und fand mich in dieser Zeit wieder, die so anschaulich und lebendig beschrieben wird, dass man meint, selbst daran teilzuhaben. Im Folgenden möchte ich versuchen, zentrale Gedanken dieses Buches festzuhalten.

Otto Friedrich Kruse wurde am 29.03.1801 in der Elbstadt Altona geboren, genau an dem Tag, so schreibt er, als 12.000 Mann dänisch-schleswig-holsteinische Truppen in Altona und Hamburg einrückten, um in Absprache mit Napoleon alle nach England bestimmten Schiffe in Beschlag zu nehmen. 

Kruse kam hörend zur Welt. Er bereitete in seinem Freiheitsdrang „seinen guten Eltern“ in seinen jungen Jahren „viel Herzeleid“, entwickelte sich zu einem „kleinen Tyrannen“ und entfloh als er in die Schule kam dieser immer wieder, weil sie ihm „wie ein Kerker vorkam“ und „die Zucht unerträglich wurde.“

Er hatte es nicht gelernt, „seine Eltern zu lieben, zu achten und sich ihnen zu fügen“ und so sah sich nach seiner Vorstellung Gott gezwungen, einzuschreiten. Gott, „der das Auge auch auf das kleinste Würmchen hat, erbarmte sich meiner. (…) Er nahm mich in die Leidensschule. (…)  Er hat zwischen vielen Übeln der Erde eines gewählt, dass ich vielleicht noch eher ertragen, und dass mich vielleicht am besten zur Raison bringen konnte, nämlich das Übel der Taubstummheit.“

Im Alter von knapp sechs Jahren brach in seinem Elternhaus Scharlach aus, der jüngste Bruder starb und Kruse verlor sein Gehör. Er fühlte sich alsdann von Eltern, Brüdern und Schwestern wie geschieden und verzweifelte oft bei Tisch, wenn gesprochen, gescherzt und gelacht wurde. Oft griff er dann in sein Haar, „als wollte er es ausraufen.“ Aber bald wurde er „geschmeidig“ und „still, fein und folgsam“ den Winken seiner Eltern. Er könne nun zwar nicht hören, dafür höre er aber, „was tausendmal köstlicher ist, um so viel vernehmlicher die Götter, wenn sie sprechen.“

1808 wurde Kruse in das Taubstummeninstitut in Kiel aufgenommen, das wenig später nach Schleswig verlegt wurde. Das Unterrichtssystem durch G.W. Pfingsten hielt, so Kruse, einen Mittelweg zwischen dem de l`Eppeeschen und dem Heinicke`schen, der Laut- und der Zeichensprache inne. Seinem Wissensdrang konnte der sehr auf Sprachbildung konzentrierte Unterricht aber nicht genügen. 

Kruse sah sich auf Privatfleiß verwiesen. Indem er sich ein wenig umsah, sah er „sehr steile Berge vor mir, welche zu besteigen mein Fuß zu schwach war.“ Er schrie jedoch, „wie der Hirsch nach dem frischen Wasser, nach dem Wissen.“ Seine Sprache war glücklicherweise weit vorgerückt, jedoch verfehlte er durch seinen „zu hitzigen Marsch“ oft den Weg: „Immer hielt ich noch die Hoffnung aufrecht, dass ich dennoch den Ausgang aus dem Walde finden würde.“

Er hätte sich glücklicher geschätzt, wenn er schulische Unterstützung gefunden hätte. Diese blieb ihm aber verwehrt. Er fragte sich, ob das daran lag, dass „die Lehrer des Glaubens lebten, dass solche Dinge einem Taubstummen zu hochständen, um sie darin zu unterrichten?“ Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich „auch durch die unwegsamsten Wege Bahn zu machen.“

Als 14jähriger Knabe war Kruse seinen Mitschülern „dergestalt vorausgeeilt“, dass er ihnen nicht nur bei den Hausaufgaben helfen sollte, sondern gelegentlich selbst den vielbeschäftigten Direktor ablöste und erstmals Unterrichtsstunden gab. Er lernte in diesen jungen Jahren also bereits das Unterrichten, spürte in sich „eine besondere Neigung“ dazu und die Kinder zeigten eine „größere Lernlust.“ 

Als er aber seine Kenntnisse und Geschicklichkeiten verbessern und Seminare oder Akademien besuchen wollte, blieben die Türen ihm verschlossen und er war „über alles Maß unglücklich und untröstlich.“ In schwierigen bzw. ausweglos erscheinenden Lebenssituationen dachte Kruse stets an Gott, der „die Vögel unterm Himmel, die weder säen, noch ernten, noch in die Scheune sammeln, ernährt“ und „keines seiner Geschöpfe verlässt oder versäumt“, und er fragte sich, ob er ihm nicht zu Hilfe kommen würde? Er hoffte, dass „wenn auch nicht von der Welt so doch von den Bergen Hülfe kommen werde“ und fasste den festen Entschluss, sein weiteres Leben dem Unterricht seiner „Unglücksgefährten“ zu widmen.

Er begann, 1817 eine Lehrerstelle am Institut in Schleswig anzunehmen, jedoch schritten ihm die Unterrichteten zu langsam voran und er geriet daher „oft in Unmut, Zorn und Leidenschaftlichkeit und fuhr die armen Geschöpfe hart an.“ Er musste lernen, seine Ansprüche zu mäßigen. Ein großes Problem war das autodidaktische Studium der Wissenschaften, da ja wie gesagt das Schullehrerseminar ihn nicht aufnahm. Er unterrichtete bereits täglich 6 ½ Stunden, vor- und nachmittags, die Kinder und beaufsichtigte sie zusätzlich abends 4 Stunden, wie sollte er mit so wenig verbleibender Zeit das Studium schaffen? 

Kruse musste „nach Gottes Willen Rat wissen.“ In seiner unnachahmlichen Art schreibt er: „Sieh, ich stahl mir die Schlafstunden, oder wendete, wenn ich von den Tagesarbeiten zu sehr erschöpft gewesen war, die Morgenstunden an, wenn Alles in den weichen Armen des Morpheus lag.“ Er kam zwar langsam voran, aber das Studium „kostete ungeheures Kopfbrechen und ermattete fast noch mehr die Glieder des Leibes, als die Unterrichtsarbeit, die fast als eine Erholung anzusehen war.“ Er sah, wie seine hörenden Kollegen ihre freien Stunden „am Spieltische oder in Bierhäusern verschleuderten“, während er in einem Winkel über seinen Büchern saß.

Er scheute nicht die Mühe, „die älteren und dickleibigsten Werke“ durchzugehen. Ganze Nächte durchwachte er mit dem Lesen über Unterrichtswissenschaft oder Didaktik und er lernte Dänisch, Französisch und Lateinisch in den spätesten Abendstunden, während er tagsüber weiter unterrichtete: „Ich mag wohl nicht gut unterrichtet haben, obgleich man mit mir sehr zufrieden war.“

Kruse las alle alten Werke und Schriften, die „in den Bezirk des Taubstummenunterrichts fallen“, unter anderem auch Heinicke, Pfingsten, de l ` Epee, Sicard. Seine Wissbegierde wurde aber nicht befriedigt. Sie alle übersahen, so Kruse, den Menschen im Taubstummen. Namentlich ignoriere Sicard „den Menschen im Taubstummen so weit, dass er den Menschen erst schaffen zu müssen glaubt.“

Roch-Amboise Sicard (1742 bis 1822) war in Paris seit 1789 der Nachfolger von Abbe de lÉpee, er war der Lehrer von Jean Massieu (1772 bis 1846) und Laurent Clerc (1785 – 1869). Diese wiederum waren die Lehrer von Ferdinand Berthier (1803 bis 1886), dem Kruse später bei seinem Aufenthalt in Paris 1852 begegnete (siehe weiter unten).


Kruse erlebte auch schwierige Zustände am Institut, in Schleswig „herrschte der Geist starrer Subordination“ vor. Ein junger Lehrer, gerade erst „aus dem Nest des Seminars geflogen“, sonnte sich „im Glanz seiner Herrschaft.“ Kruse sah, wie den Kindern immer wieder gedroht wurde und schrieb: „Gewiss wirkt nichts verderblicher auf sie, als das so beliebte Schelten, Schimpfen, Fluchen und Schlagen ihrer Lehrer. Sie sehen darin eine Herabwürdigung ihrer eigenen Person.“

Eine ganz kurze Anmerkung in eigener Sache sei mir an dieser Stelle erlaubt. Sie zeigt vielleicht, warum mich dieses Buch so sehr in den Bann zog. Als ich 1986/1987 an der Schwerhörigenschule in Bochum unterrichtete (es waren 145 Jahre vergangen seit Kruses Anmerkungen), was wurde da mit den gehörlosen Kindern geschimpft, gedroht und ja, sie wurden auch misshandelt – mein Schulleiter hielt den Kopf eines Schülers lange unter Wasser, um mir zu zeigen, wie diese Kinder auf Spur gebracht werden können.) Aber es geht hier um Friedrich Otto Kruse!

Ein Lehrer solle beim Unterrichten die Schüler schon antreiben, aber er „lasse sich keine Übertreibung zu Schulden“ kommen: „Spanne keiner die Segel zu hoch an, damit das Schiff schneller segele.“ Faul und träge seien die Schüler oft gerade deshalb, „als weil man sie zu sehr drängt. Kinder sollen aus eigenem Antrieb lernen, und nicht getrieben werden.“ Kruse war sich seiner besonderen Verantwortung bewusst. Wenige waren „so sehr der Gegenstand der Aufmerksamkeit der Schüler als der einzige taubstumme Lehrer.“

Kruse setzte sich mit dem Urteil anderer Menschen hinsichtlich seiner Taubstummheit auseinander: „Als Taubstummer habe ich alle Unbille der öffentlichen Meinung, gleichsam eine Herabwürdigung meiner Person erfahren müssen“, was selbst ein bescheidenes Ehrgefühl verletzen musste. Der Taubstumme werde als ein Mensch „niederer Gattung“ angesehen, er sei „ein Mensch nur in menschlicher Gestalt, und nicht ein wirklicher Mensch.“ 

Kruse schätzte damals Pestalozzi und versuchte, Ideen von ihm umzusetzen. Jedoch mochten seine Kollegen diesem „neu aufgetretenen Messias … nicht viel Glauben schenken.“

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 bis 1827) war ein Schweizer Pädagoge. Er gilt heute als Wegbereiter der Reformpädagogik und setzte sich für einen menschlicheren Umgang in der Erziehung und einen erfolgreichen und liebevollen Unterricht ein. Er meinte, dass in den Kindern alle Kräfte bereits angelegt seien und forderte die Einheit von Kopf, Hand und Herz.

Im Kollegium waren Kruses Ideen zum Unterricht „ein Dorn in den Augen seiner älteren Mitlehrer.“ Er wurde beim Direktor verklagt. Besonders geriet er „mit einem der am besten pädagogisch gebildeten Kollegen in hartnäckigen Federkrieg: Aber was half alles, wenn Neid, Eifersucht, Hass und Feindschaft in die Feder diktierte!“

Es blieb Kruse nichts anderes übrig, als 1825, acht Jahre nach Beginn seiner Tätigkeit, seine Stellung am Schleswiger Taubstummeninstitut aufzugeben. Er unterrichtete zeitweise im Elternhaus in Altona taube Kinder und benutzte die Gelegenheit, Lehrmethoden von Pestalozzi anzuwenden. In den Ferien nutzte er die Zeit, auswärtige Taubstummenanstalten zu besuchen, auch in der Hoffnung, eine passende Lehrerstelle angeboten zu bekommen. Er erlebte, wie „alle Zeit, alle Mühe und Anstrengung“ allein darauf verwandt wurde, „den Taubstummen die Riegeltür des Mundes aufzutun.“ Der eigentliche Sprachunterricht „hing am Nagel.“ Die Kinder drückten sich meist in Zeichen aus, „von denen ihr Lehrer nicht das Geringste verstand.“ Die Kinder „hatten nur Wiederkauen gelernt, was ihnen der Lehrer vorgekaut hatte.“ Wenn Kruse Anmerkungen hatte, so wollten die „hochweisen Herren von einem selbst tauben Lehrer durchaus nichts wissen.“

Wir erinnern uns: Wenn Kruse in ausweglos erscheinende Situationen gerät? Richtig. Er schreibt: „Wenn dem Menschen sich die Wege versperren, Werke der Liebe und Humanität zu tun, so weiß doch Gott der Wege viele und an Mitteln fehlt es ihm auch nicht.“ Er machte Ende 1829 die Bekanntschaft mit David Ortgies, eines Oberlehrers der Taubstummenanstalt zu Bremen, dessen Unterricht „anregender und Geist und Aufmerksamkeit erweckender“ war, als er es bisher an vielen Schulen erlebt hatte. Ortgies unterrichtete in artikulierter Form, aber „immer in Begleitung der Gebärdensprache.“ Er entsprach dem Wunsch Kruses, an seiner Schule angestellt zu werden „aufs Bereitwilligste“. In der Folgezeit arbeiteten die beiden Lehrer zusammen. Kruse: „Es bedarf hier wohl nicht einer weitläufigen Auseinandersetzung, von welchem großen Vorteil für die Sache der Taubstummen das Zusammenwirken eines hörenden und eines tauben Lehrers sei.“ Ortgies, der grundsätzlich die Gebärdensprache anerkannte, kam der taube Lehrer, „der natürlich in dieser Sprache besser bewandert sein dürfte, sehr zu Statten.“

Kruse lernte in dieser Zeit auch den Unterricht hörender Kinder kennen, da diese im gleichen Gebäude unterrichtet wurden. Er hatte Gelegenheit, bei dem Unterricht hörender Kinder zu hospitieren und lernte die Vorzüge, aber auch die Nachteile eines solchen Unterrichts kennen. Er sagte, dass man von der allgemeinen Unterrichtsmethode lernen könne und müsse und sah auch, „mit welcher Leichtigkeit“ die tauben Kinder „sich an die Hörenden gewöhnten, an sie sich anschlossen und sich mit ihnen vertrugen.“ Sie lernten so eine bessere Meinung von einander hegen. Kruse greift hier bereits – mit Vorsicht, er geht nie einen einseitigen Weg - den heute aktuellen Inklusionsgedanken auf.

Neben der Unterrichtstätigkeit verfasste Kruse Schriften, die gerade außerhalb des Taubstummenwesens Aufmerksamkeit bekamen. Jedoch: Dieses Buch ist nie eine einzige Erfolgsgeschichte, es geht hinauf und hinunter, über Stock und Stein, Kruse fällt und steht wieder auf, Leben eben…

Die vielen arbeitsintensiven Jahre hatten Spuren hinterlassen, die Gesundheit war angegriffen: „Höchst reizbar an Körper und Seele verlor ich allen Lebensmut und alle Arbeitslust je länger je mehr. Lesen und Schreiben war noch meine Lust, aber das Unterrichten drückte mich, wie eine Alpenlast.“ Er zog die Konsequenz, nahm 1832 seinen Abschied und zog zur Wiederherstellung seiner angegriffenen Gesundheit nach Altona. 1834 erhielt er den Ruf an das Schleswiger Taubstummeninstitut, den er annahm. Dort unterrichteten viele neue Lehrer. 

Wieder gemahnte Kruse an der Bedeutung, dass der Lehrer den Schülern „das Gefühl der Menschenwürde wach erhalten“ solle und demgemäß auf der Hut sein muss „vor eigener Neigung zum Despotismus.“ In Schriften betonte er, dass „ein einseitig mittels der Ton- oder Lautsprache unterrichteter Taubstummer in der Regel auch einseitig gebildet ist, seelen – und gemütloser, phlegmatischer, teilnahmsloser als der andere ihm gegenüberstehende sich frei in der Gebärdensprache bewegende. Wahrlich, Taubstumme mit Ausschließung der Gebärdensprache unterrichten, heißt nichts anders als sie auf Unkosten ihrer geistigen Kultur und ihrer Gemütsbildung erziehen und davor bewahre uns der Himmel!“ 

Kruse suchte auch die Meinungen derjenigen, die außerhalb der Zunft stehen. Ein Universitätsprofessor, Dr. Taulow, sagte, er habe seine Schrift „Zur Vermittlung der Extreme in der sogenannten deutschen und französischen Taubstummenunterrichtsmethode“ (Kruse suchte stets Mittelwege) mit großem Interesse gelesen und er wünsche, dass „selbige in die Hände von recht Vielen gelangen möchte.“ Er äußerte sich verwundert darüber, dass es wirklich Leute gibt, die eine andere und von Ihnen abweichende Methode über die Behandlung der Taubstummen für richtig halten und meinte, seine Schrift müsse jeden, der sie sorgfältig liest, überzeugen.

Gustav Ferdinand Thaulow (1817 bis 1883) war ein deutscher Professor norwegischer Abstammung der Philiosophie, Kunstsammler und Lehrer in Kiel.

Kruse sagte, er sei nicht so intolerant, dass er nicht noch hören und lernen und „vielleicht gar meine Meinung alternieren möchte, wenn man mich mit stichhaltigen Argumenten widerlegte.“ Man ziehe aber stattdessen „nach der Analogie der Kriegskunst das Manöver der Verschwiegenheit“ vor. Er stellte aber auch fest, dass es selbst unter den deutschen Methodikern „besonnene, vorurteilsfreiere und selbstständigere Männer“ gebe, welche sich auf der Hut vor der Überschätzung der Lautsprache wissen und die Gebärdensprache nicht absolut ausgeschlossen wissen wollen.

Aufgrund seiner intensiven literarischen Tätigkeit erhielt Kruse 1852 den Auftrag der dänischen Regierung, auf Staatskosten europäische Taubstummeninstitute aufzusuchen, um die Beobachtungen und Erfahrungen „zu Nutz und Frommen unseres Instituts“ (Schleswig lag damals auf dänischem Territorium) anzuwenden. 

Am längsten hielt sich Kruse in Paris auf, dort interessierte ihn besonders Ferdinand Berthier, ein tauber Professor und er hospitierte durch alle Klassen. Er staunte ob der „großen Gewandtheit, Fertigkeit, Behendigkeit und Schnelligkeit“, in der die Schüler „die ihnen aufgegebenen Gedanken aufs Tapet zu bringen verstehen.“ 

Die reine Lautsprachmethode wurde mit größter Konsequenz in der Züricher Taubstummenanstalt angewandt. Die Gebärdensprache wurde dort sowohl beim Unterricht als im geselligen Verkehr außer Kurs gesetzt. Man müsse Bedenken tragen, diesem Beispiel zu folgen, denn: „Soll der Taubstumme auf seinen natürlichen, lebendigen Trieb, sich mitzuteilen und andere zu vernehmen, verzichten und also zum ewigen Stillschweigen verurteilt werden?“

Es entstand 1853 ein umfangreicher Reisebericht und eine Analyse des Taubstummenbildungswesens. 

1872 trat Kruse kurz nach seinem 71. Geburtstag nach einer fast 55jährigen Tätigkeit aus dem Dienst des Instituts, nachdem er seine Kräfte „je länger je mehr dahinschwinden“ sah und den Obliegenheiten seines Amtes nicht mehr in vollem Maße genügen konnte. Zum Ruhme des Herrn sagte er aber, dass sein Geist „noch frisch und ungebrochen“ ist. Da es noch viel zu tun gebe und „noch tausend Ideen gelichtet, gesichtet und geläutert“ werden müssen, „noch tausend Vorurteilen und Irrtümern zu begegnen“ sei, beteiligte Kruse sich weiter an allen brennendsten Tagesfragen und öffentlichen Blättern oder in eigenen Schriften und nahm Anteil am Leben in den Taubstummenvereinen. 

1875 zog er gemeinsam mit seiner Frau, gebürtig aus Schleswig, von Schleswig nach Altona zurück. Er erlebte, wie eines seiner beiden Kinder, sein Sohn Otto, selbst Taubstummenlehrer wurde. Es war für den „alten, arbeitsmüden Papa“ eine besondere Freude, dass er nun in diesem seinen Sohn „für das Wohl der Taubstummen fort und fort wirken könnte.“

Otto Friedrich Kruse starb am 11.03.1880, fast 79 Jahre alt. Noch im gleichen Jahr, im September 1880, fand der Mailänder Kongress statt, in dem die rein-orale Methode sich durchsetzte und in der Folgezeit taube Lehrer von den Schulen entfernt wurden. Diesen Kongress hatte Kruse nicht mehr erleben müssen.

Heinrich Heine (1797 bis 1856), gerade einmal etwas mehr als drei Jahre älter als Otto Friedrich Kruse und auch in Kruses Altonaer Jahren des Öfteren zu Besuch bei seinem Onkel Salomon in Hamburg, schrieb 1826 in seinen „Reisebildern“ die folgenden Zeilen:

Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie das des ganzen Geschlechts? Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt. Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte."

Barbara hatte mir das kleine Buch mit den Worten überreicht, es wäre klein, aber „oho.“ 

Otto Friedrich Kruse, ja, mit ihm begegnete ich einer Welt und einem Menschen, der gottlob nicht alles mit ins Grab nahm. Er hat sein Leben aufgeschrieben. Ein Leben mit Widersprüchen, Irrungen, Verletzungen und Einsichten und immer aber einer unermüdlichen Suche nach Wissen und Wahrheit. Er hinterfragte nicht nur damals gängige Methoden und Erziehungshaltungen (es finden sich spannende Ausführungen auch zur Tagespolitik und zu privaten Fragen in seinem Buch), er hinterfragte immer auch sich selbst und warnte davor, zu sehr von sich eingenommen zu sein, „aufgeblasen“ zu werden. Dies ähnelt Heinrich Heine, der in seinen Geständnissen 1855, wenige Monate vor seinem Tod, schwerkrank aber mit frischem Geist auf seinem „Matratzenlager“ lag und schrieb:

„In der Tat, ich war damals noch gesund und feist, ich stand im Zenit meines Fettes, und war so übermütig wie der König Nebukadnezar vor seinem Sturze. (…) Einige Jahre später ist eine leibliche und geistige Veränderung eingetreten. Wie oft seitdem denke ich an die Geschichte dieses babylonischen Königs, der sich selbst für den lieben Gott hielt.“

Für den lieben Gott hielt sich Otto Friedrich Kruse nicht, aber die Gefahr, sich über andere zu stellen, ist immer gegeben. Noch einmal Heinrich Heine in seinen Geständnissen:

„In dem prachtvoll grandiosen Buch Daniel steht diese Legende (vom König Nebukadnezer), die ich (…) auch meinem noch viel verstocktern Freunde Marx (…) zur erbaulichen Beherzigung empfehle.“

Heinrich Heine kannte Karl Marx, er betreute zwischenzeitlich seine Kinder und schrieb mahnende und prophetische Worte auch zum später aufkommenden Kommunismus.

Otto Friedrich Kruse gestand am Ende seiner Autobiographie, dass „das Leiden in manchen Fällen so schneidend für mich gewesen, dass ich Gott mit Inbrunst um Erlösung“ bat. Beiden, Heine wie Kruse, war die Liebe zum Lesen und zum Schreiben gemein. Bis zuletzt strebte Kruse „nach größerer Klarheit“ und achtete nicht der Augen, wenn ein Buch zum Lesen reizt. Er wollte, so lange es Tag ist, unermüdet weiterwirken, wenn auch nicht mehr öffentlich, doch im Stillen. Sein Buch schließt mit dem Satz: „Dazu verleihe mir der Herr ferner seine Kraft.“

Heinrich Heines letzte Worte auf seinem Sterbebett sollen diese gewesen sein: Papier, Bleistift. Und er schrieb: „… ich schreibe mit Gottes Hülfe…“

Die marokkanisch - französische Schriftstellerin Leila Slimani (geboren 1981) sagte kürzlich bei der Eröffnung des internationalen Literaturfestivals in Berlin die folgenden Worte:

„Zeit und Grenzen existieren in Büchern nicht. Sie sind das Territorium, auf dem die Lebenden und die Toten für immer koexistieren können.“

Ja. Kruse begegnet mir einfach so, im Buch, trotz all der dazwischen liegenden Jahre

„Vor allem ist Literatur ein Ort der Komplexität. Das ist es, was große Bücher uns lehren: dass wir nicht alles verstehen können, dass die Welt vieldeutig ist, dass sich uns der Sinn der Dinge oder Ereignisse oft nicht erschließt. Und dass es oft nicht ausreicht, sich aufs Urteilen zu beschränken.“

Ja. Kruse schreibt auch Dinge, die mir schwerfallen, sie zu lesen. Ich habe sie hier nicht aufgeführt. Das Leben ist komplex, man muss ihn auch aus seiner Zeit verstehen.

Slimanis Worte sind eine Liebeserklärung an das Schreiben und an das Lesen. Friedrich Otto Kruse … er hat ein kleines, ein großes Buch geschrieben. Es gebe noch so viel zu tun, sagte er am Ende seines schaffensreichen Lebens. Das gilt damals wie heute. Für alle. Bei aller Vorsicht … in Bewegung bleiben. Das lehrt mich dieses Buch und sein Leben.

Danke für diese Autobiographie, liebe Barbara.

Uwe v. Stosch








2020 war ein Jahr, das wir nicht schnell vergessen werden. 

Es war ein besonderes, ein schweres Jahr. 

Phasenweise war eine Begegnung mit unseren Familien nur am Computer möglich, auch unsere Teamtreffen fanden zuletzt online statt und unsere jährliche Mitgliederversammlung am dritten Sonntag im November war diesmal eine Zoomkonferenz. 


Manches Mal fanden die Begegnungen nicht wie üblich bei den Familien, sondern im Wald oder auf einer großen Wiese mit genügend Abstand statt. 


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Auch die kommende Zeit wird weiterhin für uns alle nicht einfach und es bleiben die großen Herausforderungen durch die Corona Pandemie zu bewältigen. 


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An dieser Stelle möchten wir allen Familien ein herzliches Dankeschön sagen für die Zusammenarbeit mit oftmals guten Einfällen und toller Unterstützung.

Ein Dankeschön auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Ämtern, die in mehreren Fällen flexibel reagierten und mitunter dafür sorgten, die Hürden der Antragstellungen bzw. die der Verlängerungen niedriger zu halten,  damit die Arbeit kontinuierlich weitergehen konnte. Wir konnten bisher glücklicherweise ganz ohne staatliche Zusatzhilfen unseren Verein durch die Zeit bringen. 

Wir wünschen Ihnen/Euch trotz der Coronazeit und all den Einschränkungen frohe Weihnachten und ein gutes und gesundes neues Jahr und freuen uns auf die weiteren Begegnungen im Jahr 2021. 


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Februar 2020




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Weihnachtsgrüße aus Kap Verde







Alex Porträt 2020-IMG 2768



Spät, aber gerne möchten wir berichten, dass seit dem 01.05.2019 Alex Lemmen als feste Mitarbeiterin bei uns eingestiegen ist. 

Sie begleitete uns bereits seit 2003 ehrenamtlich und seit 2005 dann sowohl ehrenamtlich als auch als Honorarkraft mit viel Motivation und Beständigkeit.

Wir freuen uns, dass sie nun Teil unseres Teams geworden ist und wünschen ihr alles Gute für ihre Arbeit mit den Familien.

Barbara und Uwe




Für hörendes und gehörloses Publikum

TSCHICK

von Wolfgang Herrndorf
Bühnenfassung von Robert Koall


am 11. März 2020 um 18.30 Uhr

Kultur in Essen

                    

CASA · GRILLO-THEATER · 1 STUNDE 45 MINUTEN, KEINE PAUSE · FÜR JUGENDLICHE AB 14 JAHREN

Die Vorstellung sowie die um 18:30 Uhr in der Box angebotene Einführung werden in Gebärdensprache übersetzt.
Die gebärdensprachgedolmetschten Vorstellungen werden vom Schauspiel Essen in Kooperation mit dem Diakoniewerk Essen ermöglicht. Gefördert von der Brost-Stiftung

Ticket bestellen:

https://www.theater-essen.de/schauspiel/spielplan/2020-03/schauspiel-essen/tschick/4472/


DAS STÜCK

Selten schafft es der wohlstandsverwahrloste Maik, die Wahrnehmungsschwelle seiner Klassenkameraden auch nur ansatzweise zu erreichen – wenn man mal davon absieht, dass diese ihm irgendwann den unrühmlichen Spitznamen „Psycho“ verliehen haben. Doch selbst dieses unerwartete bisschen Aufmerksamkeit war nur von kurzer Dauer. Maik ist und bleibt ein langweiliger Nerd. Das endgültige gesellschaftliche Abseits droht ihm, als er von Schulschönheit Tatjana nicht zu deren Geburtstag eingeladen wird, der definitiv wichtigsten Party der Saison. Es läuft also alles nicht so gut. Bis Tschick, der lässige Assi aus Russland, neu in die Klasse kommt. Der trägt kaputte Klamotten und fällt im Unterricht schon mal betrunken vom Stuhl. Was Maik mit Tschick in diesem Sommer erlebt, stellt jede noch so coole Party dieser Welt in den Schatten: ein geklauter schrottreifer Lada, 200 Euro, keine Handys, keine Landkarte und ab in die Walachei. Offroad. Gewitter über dem Weizenfeld. Plötzlich riecht alles nach Abenteuer und die Freiheit scheint grenzenlos … 

Wie ein Roadmovie erzählt Wolfgang Herrndorfs Roman von Ausbruch, intensivem Leben und seltsamen Begegnungen, von jugendlichem Leichtsinn und vom Schmerz und der Schönheit des Erwachsenwerdens. Wolfgang Herrndorf, geboren 1965, studierte Malerei in Nürnberg. Er arbeitete als Illustrator und Autor unter anderem für die Satirezeitschrift „Titanic“. Für den Roman „Tschick“ erhielt er 2011 den Clemens Brentano Preis und den deutschen Jugendliteraturpreis. Mittlerweile wird „Tschick“ an mehr als 30 Theatern in Deutschland, ­Österreich und der Schweiz gespielt.




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https://www.theater-oberhausen.de/programm/stuecke.php?SID=770


Max Ernst Museum im Workshop in Brühl

Kommunikation auf Augenhöhe

Samstag, 15.02.2020, 15–18 Uhr

Kunstwerkstatt für Menschen mit Hörbehinderung und Hörende

Menschen mit einer Hörbehinderung und Hörende treten in einen Dialog über Kunst, angeregt durch die Werke in der Sonderausstellung »Mœbius«. In der Kunstwerkstatt experimentieren Sie mit künstlerischen Mitteln und erstellen entweder frei oder unter Anleitung ein eigenes Werk. Zu Beginn wird in ein inhaltliches Thema oder eine Technik eingeführt.
Sonja Körffer-Fischer begleitet das Format als Gebärdensprachendolmetscher*in.
Dieser integrative Workshop für Hörende und Menschen mit einer Hörbehinderung richtet sich an alle – mit oder ohne Vorkenntnisse – ab 16 Jahre.

Mindestteilnehmerzahl: 3 Personen
15 € pro Person und Termin (inkl. Eintritt)
Anmeldung über kulturinfo rheinland


https://maxernstmuseum.lvr.de/de/erleben_und_vermitteln/barrierefreie_angebote_2/blinde_und_sehbehinderte/hoerbehinderung.html


https://maxernstmuseum.lvr.de/de/startseite_1.html




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              Ausgebucht!









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Max Ernst Museum Brühl des LVR Foto LVR ZMB Jan Husing web

KUNSTWERKSTATT im Max Ernst Museum Brühl des LVR

Samstag, 9.3.2019 sowie 29.6. | 21.9. | 7.12.2019, 15‒18 Uhr

Kommunikation auf Augenhöhe
Kunstwerkstatt für Gehörlose und Hörende

Gehörlose und Hörende treten in einen Dialog über Kunst, angeregt durch die Werke in der Sammlung oder Sonderausstellung des Max Ernst Museum Brühl des LVR. In der "Kunstwerkstatt" experimentieren sie mit künstlerischen Mitteln und erstellen entweder frei oder unter Anleitung ein eigenes Werk. Zu Beginn wird in ein inhaltliches Thema oder eine Technik eingeführt. Dieser integrative Workshop richtet sich an Anfänger und Fortgeschrittene mit und ohne Hörbeeinträchtigung ab 16 Jahren.
Sonja Körffer-Fischer mit Gebärdensprachendolmetscherin

Dieser integrative Workshop richtet sich an Anfänger und Fortgeschrittene mit und ohne Hörschäden ab 16 Jahren.

15 € (inkl. Eintritt) pro Person

Kurs findet ab mind. 3 Personen statt.
Anmeldung über kulturinfo rheinland info@kulturinfo-rheinland.de

FÜHRUNGEN

Sonntag, 19.5.2019, 14.30 Uhr (Internationaler Museumstag)

Sonderausstellung Frühjahr 2019

Führung durch die Sonderausstellung in Deutscher Gebärdensprache mit der gehörlosen Kunstvermittlerin Juliane Steinwede.
Dauer: 60 Minuten | Teilnahme kostenlos (zzgl. Eintritt)

Sonntag, 29.9.2019, 14.30 Uhr (Tag der Gehörlosen)

Max Ernst für alle!

Führung durch die Sammlung in Deutscher Gebärdensprache mit der gehörlosen Kunstvermittlerin Juliane Steinwede.
Dauer: 60 Minuten | Teilnahme kostenlos (zzgl. Eintritt)

https://maxernstmuseum.lvr.de/de/startseite_1.html


Max Ernst Museum Brühl des LVR Foto LVR ZMB Jan Husing web 2


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ein Projekt von pur pur Kultur e.V.

Kindertheater in Gebärdensprache & Lautsprache 

Wir verzaubern gehörlose und hörende Besucher

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THEATERSTÜCKE

DIE SCHNEEKÖNIGIN

Die Schneekönigin

Ein bezauberndes Theaterstück für die ganze Familie ganz nah an dem Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen in Gebärdensprache und Lautsprache.

Der Teufel erfindet einen Spiegel in dem das Warmherzige und Schöne dumm erscheint und das Kaltherzige und Böse gut.
Der Spiegel zerbricht. Oje. Seine Splitter schwirren in die weite Welt - treffen Menschen.
Die sehen das Leben verzerrt.
Ein Splitter trifft den kleinen Kay ins Auge, der eine liebevolle Kinderfreundschaft zu Gerda pflegt, die im selben Haus wohnt.
Derart geblendet wird Kay in den Bann der Schneekönigin gezogen und folgt dieser in ihr eiskaltes Reich im hohen Norden.
Gerda versucht verzweifelt Kay zu finden.
Wird es ihr gelingen ihn mit Hilfe der frechen Krähe, des freundlichen Prinzen, der rabiaten Räubertochter, des heimwehkranken Rentiers und und der weisen Finnin zu finden?
Wird es ihr gelingen Kays erfrorenes Herz wieder aufzutauen?

Termine

Kölner Künstler Theater

  • Samstag 09. März 2019, 16 Uhr Premiere
  • Sonntag 10. März 2019, 15 Uhr
  • Montag 11. März 2019, 10 Uhr

Grüner Weg 5, 50825 Köln-Ehrenfeld

Kartenvorbestellung

Tel.: 0221-5107686
theater@k-k-t.dewww.k-k-t.de

www.kindertheater-deaf5.de/schneekoenigin.php

Astrid-Lindgren-Bühne im FEZ Berlin

  • Donnerstag 28. März 2019, 10.30 Uhr

An der Wuhlheide 197, 12459 Berlin

Kartenvorbestellung

Tel.: 030-53071250
reservierung@fez-berlin.dewww.fez-berlin.de

Regie

Monika Hilz

Gebärdenschauspieler*innen

Benedikt Schröder: Teufel / Rentier
Ilona Märzluft: Gerda
Maria Lancieri: Schneekönigin
Pia Katharina Jendreicik: Zauberin / Räubermädchen / Finnin
Sven Blumenrath: Kai / Prinz
Tom-Adrian Wojtas: Krähe

Sprecher*innen

Angelika DuskinaBrice Stapelfeldt, Erik Tomala, Inge Kahlix, Kristina Kiehn, Michael Wolff

Regieassistenz

Louisa Katharina Schneider

Technik / Licht

Dietrich Schuckließ

Bühnenbild

Michael Abrazzo Blattmann

Kostüme

Regine Brée

Bühnenfassung

Gebärdensprache: Maria Lancieri
Lautsprache: Michael Wolf, Monika Hilz, Sven Blumenrath

Öffentlichkeitsarbeit

Ise Dederichs:
ise.dederichs@kindertheater-deaf5.de

Sie möchten unser Stück 'Die Schneekönigin in Gebärdensprache und Lautsprache' buchen, dann wenden Sie sich bitte an:

Monika Hilz 
Tel: 0176-84239703
info@kindertheater-deaf5.de

Kontakt: Tel. 0176-84239703  Mail: info@kindertheater-deaf5.de

Impressumpurpurkultur 

© pur pur kultur

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GIB ZEIT Weihnachten 2018 im HP


             3. GIB ZEIT – Aktion

         Workshop „Höhlenmalerei“

für Familien

am 30. September 2018

Der Workshop beginnt um 12.00 Uhr,
wir treffen uns um 11.30 Uhr am Haupteingang.

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Nach dem Workshop können wir je nach Wetter das Neandertal „Wildgehege“ draußen.

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Im Museum oder/und im Cafe, falls das Wetter sehr schlecht ist. 

Wer Interesse hat, bei Barbara, Jürgen, Karin, Britta und Uwe anmelden.

(Teilnehmerbegrenzung max. 30 Personen)

Ausgebucht!


NEANDERTHALMUSEUM

TALSTRASSE 300

40822 METTMANN 


Homepage
www.neanderthal.de


Workshop

https://www.neanderthal.de/files/Downloads/Angebot_PDF/NTM%20Angebots%20PDF%20W_Hoehlenmalerei.pdf


Eintrittspreise im Museum

https://www.neanderthal.de/de/eintrittspreise.html

 

Cafe im Museum

https://www.neanderthal.de/de/museumscafe.html

 





                          2. Aktion GIB ZEIT 

               am 25. August 2018, 12-18 Uhr

                 im Freilichtmuseum Lindlar


                 Eintritt für Erwachsene: 9,00 €; Kinder frei


Bauernmarkt:

http://www.freilichtmuseum-lindlar.lvr.de/de/veranstaltungen/jahresprogramm/bauernmarkt/bauernmarkt_1.html


LVR-Freilichtmuseum Lindlar

http://www.freilichtmuseum-lindlar.lvr.de/de/startseite.html


Wer Interesse hat, bitte bis 22.08.17 bei Barbara, Jürgen, Britta und Uwe anmelden. 







GIB ZEIT – Namensgebung heute vor 20 Jahren

 

Heute vor genau 20 Jahren, am 08.05.1998, gaben wir unserer Gemeinsamen Initiative einen Namen.

Bereits einige Jahre zuvor hatten wir, einige GL und ein Hd, uns Gedanken gemacht, die später in diese Initiative und seinen Namen mündeten.

 Damals hatten zwei GL einen Gebärdensprachkurs an einer Fachhochschule angeboten, er wurde gut besucht, von hd Studenten und auch von Professoren. Alle hatten viel Spaß beim Erlernen einer neuen Sprache, oft zusätzlich zu mehreren bereits vorhandenen Sprachen.

 Wir dachten da an die vielen hörenden Familien, die wenig oder gar keine Kommunikation mit ihren gehörlosen bzw. hochgradig schwerhörigen Kindern hatten, bei denen es täglich zu Missverständnissen und für beide Seiten frustrierenden Situationen kam und wir überlegten, für sie ganz speziell einen solchen Kurs anzubieten.

 Jedoch, wie findet man diese Familien? Unter anderem schrieben wir 1996 in der damals bundesweit erscheinenden Zeitschrift „hörgeschädigte Kinder“ einen Artikel und machten ein entsprechendes Angebot.

 Es meldete sich insgesamt … eine Mutter, die uns gerne kennenlernen wollte. Das war auf Deutschland gesehen nicht gerade viel, aber ein wertvoller erster Mosaikstein. Wir besuchten sie im Januar 1997 – eine Logopädin saß mit am Tisch. So gut das Treffen war, so wurde doch die Sorge deutlich, dass die Gebärdensprache für das damals 4jährige Mädchen nachteilig sein könne, sie vom Sprechen abhalte, sprechfaul machen könne. Die Mutter sagte damals, sie würde gerne den Kontakt halten, allein der Schritt hin zu den Gebärden schien ihr (noch?) zu gewagt.

 Wir hatten nach dem Treffen dennoch ein gutes Gefühl:  uns bedeutete es viel, dass es zu dieser Begegnung gekommen war. Wir dachten damals, die Familie soll auf jeden Fall die Zeit bekommen, die sie braucht, wir wollten nur das entsprechende Angebot machen, sie sollte jederzeit darauf zurückgreifen können.

 Eine andere Familie, die wir durch „Zufall“ (Zufälle begleiteten uns von Anfang an) im Mai 1997 kennengelernt hatten, ihr Kind war damals bereits fast 10 Jahre alt, sagte uns im September 1997, sie würde gerne mit ihrer Tochter die Gebärdensprache durch einen gl Erwachsenen erlernen (siehe hierzu auf unserer Homepage der Artikel vom September 2017: „20 Jahre Familienbetreuung durch Barbara“.)

 Die Begleitung begann und  im April 1998 sagten die Eltern in einem Interview mit uns: „Wir hätten viel früher damit anfangen sollen, uns nicht belatschern lassen. Uns wurde immer gesagt, wenn die Gebärde da ist, kommt die Sprache nicht.“

 Langsam aber stetig sprach es sich herum, mehr und mehr Familien wandten sich an uns und das war dann der Moment, unserem „Kind“, unserer Initiative, im Mai 1998 einen Namen zu geben. Uns fiel die oben genannte Familie ein, der wir gerne Zeit geben wollten.

 Die einzelnen Buchstaben kamen uns in den Sinn, die in den vergangenen Monaten Bedeutung hatten. Wir hatten ein gemeinsames Ziel, wollten diese Initiative nicht mehr aus dem Auge verlieren und es ging darum, weitere Begegnungen zu ermöglichen:

GIB - Gemeinsame Initiative Begegnung.

 Wenn man die Zukunft des Kindes denken bzw. planen wollte, war ein Erfahrungs- und Informationsaustausch unter Teilnahme gehörloser Erwachsener für uns der springende Punkt:

ZEIT - Zukunftsplanung durch Erfahrungs- und Informationsaustausch mit Teilnahme Gehörloser.

 Der Name war gefunden.

 Genau heute, am 20. Jahrestag der Namensgebung, waren wir wieder bei einer neuen hörenden Familie mit einem gehörlosen Kind. Wir hatten sie bereits vor etwa einem Jahr kennengelernt, der Antrag auf Gebärdensprachunterricht wurde zunächst abgelehnt, die Familie gab nicht auf, nun war die Bewilligung da. Die hörenden Eltern, drei hörende Geschwister, weitere hörende Cousinen und Cousins, das gehörlose Kind  – sie alle freuten sich auf den Beginn des Kurses durch einen gl Erwachsenen, der ab nun einmal in der Woche kommen wird. Es ist nicht viel, aber bewirkt eine Menge.

 Unser „Kind“, GIB ZEIT,  ist erwachsen geworden, 20 Jahre alt. Unsere Motivation ist so groß wie am Anfang und auch unsere Dankbarkeit darüber, dass es immer wieder zu Begegnungen kommt. Wir dürfen dabei selbst viel lernen, über uns, über das Leben, über das Zusammenspiel von Grenzen (die jeder hat, ganz gleich ob er hörend ist oder nicht) und Fähigkeiten. Wir erleben stets neu, wie wichtig für viele Kinder die Gebärdensprache ist, die für sie ganz zugänglich ist. Wie schön es für sie ist, zu sehen, dass ihre Familien sich Mühe geben, mit und für ihr Kind Gebärden zu lernen und mitzuwirken an dem Entstehen eines sicheren sprachlichen Fundaments, auf dem dann alles andere aufgebaut werden kann.

 Ein Danke an all die Familien, die sich auf das „Wagnis“ bisher eingelassen haben, an unsere unermüdlich tätigen Mitarbeiter und auch an all diejenigen in den Ämtern, die durch das Erteilen von Bewilligungen uns unsere Arbeit bisher ermöglicht haben.

 

 

LVR  

Barrierereie Veranstaltungen in Oberhausen


PRESSEMITTEILUNG

Führung durch Sonderausstellung „Energiewenden – Wendezeiten“ in Deutscher Gebärdensprache
Altenbergfest für Menschen mit und ohne Behinderung
Schauplatz Zinkfabrik Altenberg

Sonntag, den 6. Mai 2018, 12.00-17.00 Uhr

Am Sonntag, den 06.05.2015 von 11.00 bis 17.00 Uhr feiern das LVR-Industriemu- seum Oberhausen, die Stadt Oberhausen und das Zentrum Altenberg gemeinsam und bieten für Menschen mit und ohne Behinderung ein buntes Programm. Das Bühnenpro- gramm wird in Deutsche Gebärdensprache übersetzt.

Das Altenbergfest finden auf dem Schauplatz der Zinkfabrik Altenberg im LVR-Indust- riemuseum Oberhausen statt.
In diesem Rahmen finden zweimal pro Stunde Führungen durch die Sonderausstellung unter dem Titel
„Energiewenden – Wendezeiten“ statt. Für Menschen mit Hörbe- hinderung gibt es um 15.00 Uhr auch eine Führung in Deutscher Gebärdenspra- che.

Am Ende des Programms um 17.00 Uhr gibt es eine Luftballonaktion, danach geht die in- klusive Disco „Nobody’s perfect“ weiter bis 21.00 Uhr.

Auf dem Außengelände des Museums wird altes Handwerk belebt, es wird geschmiedet und gegossen. Außerdem gibt es zahlreiche Stände und Mitmach-Aktionen der verschie- denen Organisationen und Verbände aus der Arbeit von, für und mit Menschen mit Behin- derung sowie dem Büro für Chancengleichheit der Stadt Oberhausen.

Ein besonders symbolisches Ereignis ist Anlass der aktuellen Sonderausstellung „Energie- wende - Wendezeiten“ in der Zinkfabrik Altenberg des LVR: im Jahr 2018 schließt die letzte Steinkohlezeche Deutschlands.
Auf über 900 Quadratmetern kann Spannendes über die Energie an Rhein und Ruhr er- fahren werden. Neben der Geschichte der Steinkohle wird einen Einblick in die gesamte Abfolge der „Energiewenden“, die es in der Vergangenheit gab, vermitteln. Außerdem ist die aktuelle Energiewende mit ihren Chancen und Risiken Thema der Ausstellung. Es wird gezeigt wie eine Energiewende ohne nukleare und fossile Energie stattfinden kann.

Es gibt Essen und Getränke vor Ort.

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Unabhängig von dem Angebot dieser Führung können gehörlose Menschen auch individu- elle Gruppenführungen in Deutscher Gebärdensprache zu den von ihnen gewünschten Terminen buchen. Nach der Anmeldung organisiert der LVR eine/n Gebärdensprachdol- metscher/in und übernimmt die Dolmetscherkosten.

Für Menschen mit Lernschwierigkeit können die Programme individuell abgestimmt wer- den.

Für Menschen mit Gehbehinderung und Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer ist das Museum, bis auf die Dachgeschosse in Fabrik und Herrenhaus, zugänglich.

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) ist als Träger des Museums der größte Leis- tungsträger für Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Neben 41 Förderschulen, zehn Kliniken und drei Netzen Heilpädagogischer Hilfen betreibt er 19 Museen und vielfäl- tige Kultureinrichtungen. Er engagiert sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebens- bereichen. Die LVR-Museen und Kultureinrichtungen sind daher für Menschen mit und ohne Behinderungen fast ohne Einschränkungen zugänglich. Außerdem ist der LVR stän- dig bemüht, seine Kulturangebote für Menschen mit Behinderungen auszubauen. So wer- den regelmäßig Führungen für sehgeschädigte und blinde Menschen angeboten, sowie Führungen in Gebärdensprache.

Eintrittspreise

Kostenfrei

Anschrift des Museums

LVR-Industriemuseum Oberhausen Zinkfabrik Altenberg

Hansastraße 20 46049 Oberhausen

Links


  •   Programm des Altenbergfestes 

http://www.industriemuseum.lvr.de/de/oberhausen/altenberg_fest/altenberg_fest_1.html


  •   Ausstellung "Energiewenden - Wendezeiten" 

http://www.industriemuseum.lvr.de/de/energiewenden_2/ausstellung_2/ausstellung_3.html







Kein Cochlea Implantat als Kindeswohlgefährung?

Sehen Statt Hören:

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/sehen-statt-hoeren/index.html

Zwang zur CI-Implantation

Stellungnahmen

28.11.2017 zusammengestellt von Karin Kestner


https://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2017/Zwang_zur_CI_Implantation_Stellungnahmen.htm

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Wichtige Stellungnahme von Oliver Rien

Lies bitte hier:

https://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2017/Stellungnahme_Oliver_Rien_Familiengericht_geschwaerzt.pdf


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Im Spiegel erschien am 29.11.2017 ein Artikel zum Thema „Zwangsimplantation – darf man ein gehörloses Kind gegen den Willen der Eltern operieren?“

Auch wenn der Artikel sich scheinbar um eine neutrale Sichtweise bemüht, bleiben Sätze wie gleich zu Beginn, fettgedruckt, beim Leser hängen: Ein gehörloses Kleinkind könnte durch ein CI hören und sprechen lernen.

Weiter unten im Text steht zwar, dass Kinder mit einem CI keinesfalls wie Normalhörende hören und ein gewisses Defizit bestehen bleibt, das oft im Bereich der Schwerhörigkeit liegt. Jedoch werden sich schon hier die allermeisten Leser sagen, besser etwas hören als gar nicht und die Chance zu hören muss man natürlich dem Kind geben.

Dann treten hochkarätige Experten auf. Unter der Überschrift „Dem Kind eine Welt vorenthalten“ wird betont, das CI würde dem Kind den Zugang in eine Welt öffnen, die ihm sonst verschlossen bliebe. Der Direktor des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr – Universität Bochum, Jochen Vollmann, sagt in diesem Zusammenhang, warum es nicht möglich sein soll, dass es zweisprachig aufwächst und ihm so alle Chancen gewahrt werden. Das Bild, dass da eine Welt ist, zu der das Kind keinen Zugang hat, brennt sich dem Leser ein.

Der Professor für Medizinethik an der LMU München, Georg Marckmann, meint, man müsse herausfinden, worum es den Eltern bei ihrer Entscheidung ginge, also ob es ihnen nur um ihre Prinzipien gehe oder das Wohl des Kindes an erster Stelle stehe.

Wenn dann Britta Konradt, Ärztin und Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Medizinrecht in Berlin sagt, dass ganz vorne das Kindeswohl stehe und alle anderen Interessen davor zurückzustehen haben, auch das Elternwohl, dann kann eigentlich nur noch Unverständnis für die gehörlosen Eltern geerntet werden. Die kritische Anmerkung der selbst schwerhörigen Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung „Selbstbestimmt leben“, Ines Helke, verhallt offensichtlich weitgehend ungehört, sie gerät selbst unter Beschuss.

Es klingt nicht nur Unverständnis aus vielen Kommentaren, es werden heftigste Vorwürfe gegen die Eltern erhoben.

Sie seien unverantwortlich, verletzen die Menschenwürde ihres Kindes, sie verhalten sich ungeheuerlich, grausam, egoistisch, unmenschlich, kleingeistig, dumm, ekelhaft egoistisch, fast kriminell, unfassbar dämlich. Es sei ein Verbrechen am Kindeswohl, sie müssten eine Strafe wegen Kindesgefährdung bekommen, sie seien ein Monster, nicht ganz gesund im Kopf. Eltern, die ihrem Kind ein normales Leben verweigern, sollte man wegsperren und die Kinder in bessere Hände geben.

Die Gehörlosenszene bestehe aus einer großen Anzahl ideologischer Spinner, es seien gehörlose Fanatiker, die dem Kind die Welt versperren und in eine kleine, stumme Gemeinschaft zwingen.

Da fehlen mir die Worte, wenn ich das alles lese. Ich kann da nur denken (hoffen), dass wenigstens einige, die so urteilend und verurteilend gegen die Eltern schreiben, nicht wissen, wie verletzend solche Aussagen sind.

Es gibt aber auch einfühlsame Kommentare von ganz unterschiedlichen Schreibern, und die unterschiedlichen Sichtweisen auf das CI spielen da gar keine Rolle, sondern eine klare Haltung, die Ablehnung von Zwang.

Eine Foristin schreibt, es sei massiv erniedrigend, Eltern vor Gericht zu ziehen.
Eine weitere Foristin sagt, mit der Prozedur Jugendamt und Gericht sind die betroffenen Eltern bereits faktisch entmündigt.
Der Vater eines gehörlosen Kindes sagt, diese Entscheidung darf niemals von einem Arzt über den Kopf der Eltern erfolgen.
Und der Vater eines Kindes, das vor vielen Jahren ein CI bekam, fühlt sich in die Nazizeit zurückversetzt.
Kritisch äußern sich auch andere Eltern von Kindern mit oder ohne CI und auch eine Mitarbeiterin aus einem CI-Zentrum. Ein weiterer Schreiber sagt, aufgezwungene Entscheidungen seien niemals gut, die Büchse der Pandora werde geöffnet und eine rote Linie überschritten. Die Eltern wollten das Beste für ihr Kind und für sie ist das Beste, dass alles so bleibt wie gehabt. Das solle von allen respektiert werden.

Besonders fiel mir neben vielen anderen die Nachricht einer Frau auf, die selbst nach eigenen Worten behindert ist. Sie schreibt, wir sind vielleicht in manchen Bereichen eingeschränkt, aber in anderen Bereichen wiederum haben wir besondere Talente. Es sei unglaublich beleidigend, vermittelt zu bekommen, dass unser Leben weniger wert sei.

Ein sehr aktiver Forist meint dazu, er wolle niemanden die Ehre absprechen, aber eine Behinderung sei nun mal ein qualitatives Minus der körperlichen Funktion. Man sieht ihn diese Zeile in den Rechner tippen, sieht ihn rechnen, sechs Sinne minus ein Sinn sind fünf Sinne, also ein Sinn weniger, und wie er sich dann, sich seiner selbst sehr sicher, zurücklehnt, bereit zu weiteren Einlassungen, die sich alle gegenseitig überbieten.

Ein Forist schreibt, es tut ihm weh, die vielen Vorurteile zu lesen, von Menschen, die Gehörlose gar nicht kennen.
Ein weiterer meint, der Mensch neige dazu, alles, was ihm fremd ist, abzuweisen.

Ein gehörloser Schreiber bittet darum, dass man den Gehörlosen mit Respekt und Würde begegnet, damit wir euch zeigen können, dass wir ungemein ein Gewinn für euch sind. Die vielen Außenstehenden draußen wissen uns sehr zu schätzen und sehen in uns eine immense Bereicherung für die Gesellschaft.

Genau dies zeigt sich in den Worten einer Schreiberin, sie habe im Kontakt mit Gehörlosen nie den Eindruck, dass diese ein eingeschränktes Leben führen.

Diese Aussage möchte ich zum Anlass nehmen, ein wenig von meinen Erfahrungen zu berichten. Wenn man das Glück hat, gehörlose Menschen näher kennenzulernen, merkt man sehr schnell, dass es keine „Minus – Menschen“ sind, sondern unglaubliche Fähigkeiten vorhanden sind, die einem selbst oft abgehen. Ein gehörloser Freund von mir tourte durch die Welt und verdiente mit Pantomime sein Geld zur Weiterreise gerade in dem Land, wo ich im Windschatten meiner dort lebenden Schwester (es ist Marokko) blieb, da ich die Sprachen, die man dort sprach, nicht sprechen konnte. Er war von klein auf gewohnt, kommunikative Hindernisse zu bewältigen. Seine Welt war nicht kleiner als die meine. Er konnte sich in meine (hörenden) Kinder besser hineindenken als ich und obwohl meine Kinder keine Gebärden konnten und er nicht lautsprachlich kommunizierte, entstand eine Beziehung, die

ganz besonders war und noch heute denken meine längst erwachsenen Kinder gerne an seine Besuche zurück.

Dies ist nur ein Beispiel – in 27 Jahren habe ich dies und ähnliches täglich immer wieder erleben dürfen. Es geht mir nicht darum, etwas schön zu reden. Es gibt unter gehörlosen Menschen die gleiche Bandbreite an Begabungen und Einschränkungen wie bei Hörenden, wobei vieles aber anders ist. Wenn ich als Hörender einen Raum betrete und hinterher sagen soll, wer darin war und was ich so gesehen habe, komme ich mächtig ins Rudern, aber selbst das gelingt manchen Hörenden natürlich doch auch. Ich möchte auch nicht schön reden, wenn einem etwas fehlt. Mir zum Beispiel fehlt ein technisches Verständnis. Was habe ich erst Angst gehabt, Söhne zu bekommen weil ich ihnen in diesem wichtigen Bereich nicht viel mitgeben kann. Wie sehr zeigte mir das Leben, dass diese Angst unbegründet war, andere Menschen kamen vorbei und mein Unvermögen machte mich hier nicht zum schlechteren Vater. Überhaupt, seine Grenzen und Einschränkungen zu kennen und anzunehmen macht einen, das glaube ich, ein Stück weit menschlicher, dann kann man auch seine Stärken besser wahrnehmen und man sieht wie gut es ist, nicht alleine zu sein – Fähigkeiten und Unvermögen sind alle so verteilt, dass da schon viel Sinn in allem zu sein scheint. Wie auch immer man dazu steht, in jedem Fall urteilt man nicht (mehr) so schnell und leichtfertig (und mitunter schrecklich böse oder sogar hasserfüllt), wenn man seine eigenen Schwächen (und Stärken) besser kennt.

Sicher wird man mir jetzt sagen, fehlendes technisches Verständnis sei doch nicht mit fehlendem Hören vergleichbar. Will ich ja auch nicht vergleichen. Mein Vater sagte stets, Vergleiche sind sittenwidrig. In einem alten irischen Spruch las ich: „Wenn du dich selbst mit anderen vergleichen willst, wisse, dass Eitelkeit und Bitterkeit dich erwarten. Denn es wird immer bessere und nicht bessere Menschen geben als dich.“ Aber was ich schon gesehen habe, dass viele Gehörlose ganz offensichtlich mit Einschränkungen besser umgehen können. Nicht oder wenig Hören lässt sich nicht einfach verstecken, während ich zum Beispiel „wissend“ mit anderen Männern um einen geöffneten Automotor stehen kann – es steht mir nicht ins Gesicht geschrieben, dass ich kaum etwas verstehe. Und genau deshalb können manchmal Gehörlose (natürlich niemals alle) unglaublich gut mit Stärken und Schwächen von Kindern und Familien umgehen, sie alle so nehmen wie sie sind, mit und ohne CI, mit und ohne Mehrfachbehinderung, wie zum Beispiel meine gehörlose Kollegin Barbara Mekhneche, die seit 20 Jahren täglich mit tausend Herausforderungen umgeht und dabei viel Freude hat. Diese Freude ist auf mich übergesprungen.

Ihre Welt ist kleiner als meine oder die irgendeines Menschen? Was für ein Unsinn. Ihr bleibt eine Welt verschlossen? Es ist genau andersherum. Meine Welt ist um ein vielfaches größer geworden durch diese Bekanntschaften. Eine Bemerkung an Herrn Vollmann, den oben zitierten Institutsdirektor. Niemand hält jemandem eine Welt vor. Diese Welt ist unser aller Welt, sie gehört nicht den Hörenden. Verschlossen kann sie nach meinem Erleben nur dann werden, wenn Liebe fehlt.

Aber das herauszubekommen, ist nicht die Aufgabe Ihres Kollegen Prof. Marckmann. Er wird sich das auch nicht gefallen lassen, wenn da jemand mit der Lupe in seine Familie geht und nachsieht ob er nach Prinzipien lebt oder das Wohl seiner Kinder im Auge hat. Wie unsäglich ist das.

Leben ist so viel mehr als das was man vordergründig sieht oder denkt und man sollte nicht die Natur des Menschen unterschätzen und dass bei dem Nichtvorhandensein eines Sinnes die anderen Sinne geschärft werden. Wenn ein gehörloser Mensch sagt, ich bin glücklich so wie ich bin, muss man das nicht verstehen, es fehlt einem vielleicht die Vorstellungskraft und,

ganz wichtig, das tägliche Miteinander. Aber Respekt vor einem solchen Denken ist Grundlage für alles, sonst verlassen wir den Boden des Zusammenlebens und erheben uns über andere Menschen, stellen ihren Wert in Frage.

Als man damals in diesem Land von minderwertigen Menschen (und wenn dieses Schwelle erst einmal überschritten, dieses schlimme Wort Eingang gefunden und akzeptiert war, folgte schneller als man denken konnte das Wort vom „unwerten Leben“ hinterher) sprach und damit ausdrücklich auch die gehörlosen Menschen meinte, dies von der großen Mehrheit unhinterfragt angenommen wurde und schreckliche Geschehnisse gegen sie die Folge waren, hatte man die Axt nicht nur gegen die Gehörlosen, man hatte sie gegen das Leben insgesamt gelegt.

Eine Lehre daraus sollte sein, niemals den Wert eines Menschen mehr in Frage zu stellen. Und Zwangsmaßnahmen des Staates angesichts von unterschiedlichen Sichtweisen auf das Leben nie mehr zu erwägen. In den 90iger Jahren (und natürlich weiter danach) las ich zu dieser Frage sehr viel mit meiner gehörlosen Kollegin Liane Boy. Sie entdeckte unermüdlich weltweit „Schätze“ des Denkens, und das machte bei den vielen auch damals schon auftauchenden aggressiven Sichtweisen viel Mut.

Ein solcher „Schatz“ war die Aussage eines israelischen Philosophen, Jeshajahu Leibowitz, der sagte: „Die Frage, ob ein Leben lebenswert ist, darf es nicht geben. Man kann über alles im Leben nachfragen, ob es wert und würdig ist. Ist es würdig, in einem Haus oder einer Höhle zu wohnen? (...) Das alles kann man fragen, aber über das Leben selbst kann man nicht fragen, ob es wert und würdig ist.“

Ähnliche Schätze fanden wir aber auch in der nächsten Umgebung, etwa Aussagen des kürzlich verstorbenen Peter Donath, der uns 1997 ausdrücklich ermutigte, GIB ZEIT zu gründen. Er sagte zum Beispiel, er bewundere den Lebensmut und die Lebensfreude Gehörloser, die uns Eltern helfen, ihre Kinder anzunehmen, mit ihnen zu leben, sie bereichern uns mit Erfahrungen, wenn wir sie und ihre Erfahrungen in unseren Blickwinkel einbeziehen, die uns sonst verschlossen geblieben wären.

Und Manfred Hintermair, Hochschullehrer, der sich ebenfalls früh für eine Einbeziehung Gehörloser aussprach, kritisierte schon damals die zum Teil gnadenlose Ausschließlichkeit, mit der manche hörende Fachleute ihre Sichtweisen, Werte und Normen zum Ausdruck bringen, dies nehme der Gehörlosengemeinschaft quasi die Luft zum Atmen.

Niemand kann es Dr. Gerstner verdenken, dass er eine bestimmte Sichtweise hat. Doch indem er seine Sichtweise mit Hilfe des Gerichts zum Maßstab erheben will, wird (und da spielt es keine Rolle, ob ihm zahlreich applaudiert wird) buntes Leben, das Leben von Menschen die wie du und ich sind, voller Hoffnungen und Zuversicht, in Frage gestellt, es als nicht lebenswert betrachtet und somit der Boden, auf dem wir alle leben, angegriffen.

Leben wir damit, schreibt ein Forist, dass nicht alles perfekt ist (wie weit sind wir alle davon entfernt, zum Glück) und leben wir damit, dass Anschauungen unterschiedlich sind. Freiheit, sagte mein Vater uns Kindern immer, ist ein unglaublich wichtiges Gut, das verteidigt werden muss. Sie sei nicht so selbstverständlich, wie wir es meinen. Er hatte die Zeit vor 1945 sehr schmerzlich erlebt, als die Freiheit nicht existierte.

Uwe von Stosch, GIB ZEIT e.V., 05.12.2017 


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Warum sich Eltern gegen ein Cochlear Implantat entscheiden

Und sie auch nicht dazu gezwungen werden können

http://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2017/warum_Eltern_sich_gegen_ein_CI_entscheiden.htm

27.11.2017 Karin Kestner

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Stellungnahme

 zu zwei Fernsehbeiträgen

zur Anhörung beim Amtsgericht in Goslar am 20.11.2017 zur Frage des angedrohten „Zwangs zum Implantat“


 Am Dienstag, den 21.11.2017 berichtete „Hallo Niedersachsen“ in zwei zeitnah aufeinander folgenden Sendungen über die tags zuvor erfolgte Anhörung des Amtsgerichts in Goslar.

 Der erste Beitrag um kurz nach 18 Uhr wurde mit den Worten eingeleitet: „Muss oder darf ein gehörloses Kind in dieser Welt der Stille bleiben und ohne Gehör aufwachsen, wenn die Eltern das so wollen, oder können die dazu gezwungen werden, ihrem Kind ein Hörimplantat einsetzen zu lassen?“

 Zunächst kamen die gehörlosen Eltern zu Wort. Immerhin ließ der Sprecher etwas Empathie erkennen, indem er anmerkte, es sei für sie „kein leichter Weg“ nach Goslar gewesen.

 Dann erfuhr der Zuschauer: „Medizinisch längst ein Routineeingriff mit kleinem Restrisiko, wird das sogenannte Cochlea Implantat zudem in den ersten Lebensjahren implantiert, sprechen Experten von einer sehr guten Möglichkeit für gehörlose Kinder,  laut sprechen und hören zu erlernen.“

 Nun kam Frank Dreßler zu Wort, Leiter des Jugendamts Goslar, der den Fall an das Gericht weitergegeben hat. Er sagte unter anderem: „Die Eltern können ja sehr weitgehend das Schicksal ihrer Kinder bestimmen, allerdings hat das inhaltliche Schranken, wenn das Kindeswohl gefährdet ist.“

 So bereits einseitig eingestimmt, setzte dann ein ausführlich zu Wort kommender Studiogast dem Ganzen seine Krone auf. Prof. Dr. Anke Lesinski – Schiedat, HNO-Ärztin am Deutschen Hörzentrum der MHH in Hannover erschien im Studio.

 Auf die Frage, warum es denn so wichtig sei, dass man jetzt bei einem jungen Kind, einem so kleinen Kind eine Entscheidung treffe, antwortete sie, dass die Reifung des Hörnervs „etwa mit dem vierten Lebensjahr abgeschlossen oder weitgehend abgeschlossen“ sei und man deshalb „sehr frühzeitig bei Kindern das Hören messen und entsprechend behandeln muss.“

 Wenn wie im vorliegenden Fall die Mutter selbst nicht höre, sei es ganz wichtig, „dass man als HNO Arzt, als Team den Eltern erklärt, dass man in die Familie auch hörende Elemente einbringen muss“ und dass die Eltern „ein Teil dieses hörenden Umfelds werden müssen.“

(Hervorhebungen durch den Verfasser)

  Nach diesem dreifachen „Muss“ und dem ganzen Beitrag war es beinahe eine „Wohltat“, als im zweiten Beitrag, der um 19:30 Uhr gesendet wurde,  neben den weiter oben zitierten Ausführungen doch auch einige differenzierende Töne zu vernehmen waren.

 Es wurde darauf hingewiesen, dass der Fall hohe Wellen schlägt. Der Deutsche Gehörlosen Bund und die Cochlear Gesellschaft hätten sich gegen den Zwang einer Implantation ausgesprochen.

 Aus Hannover vernahm man dann trotz des einführenden Satzes von Frau Eßer-Leyding, wonach „es für uns Hörende tragisch (ist), wenn wir wissen, welche Chancen das Kind mit dem CI hätte“, einen nach den bisherigen Ausführungen überraschend klaren Satz. Sie sagt: „Aber wir müssen die Entscheidung der Eltern respektieren. Denn sonst wird das Kind wirklich den Eltern entrissen.“

 Der Sprecher erwähnt, dass genau davor die Eltern Angst haben.

 In einer Stellungnahme des Deutschen Gehörlosen Bundes vom 17.11.2017 wird betont, dass „die positiven Aspekte des Lebens gehörloser Menschen außer Acht gelassen werden“ und die meisten im Rahmen der  Implantationen Tätigen „keine oder nur sehr wenige Informationen über die Gehörlosen-/Gebärdensprachgemeinschaft und kaum Erfahrungen mit diesen haben.“ Sie würden in der Gehörlosigkeit nicht selten „etwas Negatives und Auszumerzendes“ sehen.

 Der gehörlose Linguistik - Professor Christian Rathmann bringt es in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 23.11.2017 auf den Punkt, indem er hervorhebt, er sehe überhaupt keine Gefährdung des Kindeswohls, wichtig sei, „dass das Kind Liebe hat, soziale Beziehungen hat, die funktionieren, eine vollständige Kommunikationsbasis mit den Eltern hat.“

 „Dass das Kind Liebe hat“, sagt Christian Rathmann. Dieses kleine Wort, es taucht auf in einem Umfeld von Muss – Aussagen und Drohungen – was kann einem Kind Besseres widerfahren? Wie kann überhaupt die Idee Raum greifen und zu einer Bedrohung anwachsen (bis zu einem Urteil können Monate oder auch Jahre – wenn in Revision gegangen wird – vergehen), Eltern, die lieben, zu etwas zu zwingen, was sie nicht wollen.

 In unserem Umfeld leben Familien, gehörlose Eltern wie hörende Eltern mit gehörlosen Kindern, die nicht implantiert wurden, und es sind wunderbare Familien. Wie müssen sie sich angesichts dieser Drohdebatte fühlen?

 „Dass das Kind eine vollständige Kommunikationsbasis mit den Eltern hat“, sagt Christian Rathmann. Dies haben auch selbstverständlich hörende Eltern mit ihren nicht implantierten gehörlosen Kindern, sie wachsen in die  gebärdensprachliche Kommunikation hinein und trotz der Mühen erleben diese Familien oft so viel Freude dabei. Es geht nicht um Perfektion, es geht um die Motivation, was die Eltern wollen, dann ebnet sich ein gangbarer Weg.

 Christian Rathmann: „Wenn man Zeit investiert für die ganze Rehabilitationsmaßnahme, dann kann man auch Zeit investieren für Gebärdenspracherwerb. Und es gibt viele, viele Möglichkeiten, den Spracherwerb, den Erstspracherwerb dieses Kindes oder dieser Eltern in verschiedenen Familien zu gestalten.“

  Ja, ganz genau!

 In unserem Umfeld leben genauso hörende Eltern mit einem gehörlosen Kind, das implantiert wurde. Sie sind nicht besser oder schlechter als die erstgenannten Familien, sie haben einfach einen (zunächst) anderen Weg gewählt, eben das CI. Auch sie sind durch die Drohung gegen die Familie in Goslar erschrocken.

 

Eine Mutter sagte uns:

„Ich war fassungslos. Ich finde das unmöglich. Dieses Thema macht mich stinksauer! Jeder muss selbst entscheiden, was er will. Das ist Sache der Eltern, ob sie es machen wollen oder nicht, das macht sie nicht zu schlechten Eltern! Den Eltern werden nur die positiven Sachen erzählt, nie die negativen, das sehe ich doch an uns!“

 

Eine andere Mutter meinte:

„Da blendet der Arzt aber alle Risiken aus und was noch schlimmer ist, ist die Respektlosigkeit den Eltern und allen Gehörlosen gegenüber. Wer sagt denn, dass ein Leben mit CI besser ist? Ich bin froh, dass wir Gebärden lernen und (unser Kind) die Chance bekommt, sich auch ohne Technik mitteilen und unterhalten zu können.“

 

 Im „Märchen, das kein Märchen war“, von Winny Stenner, das sie anlässlich dieses Themas kürzlich verfasste, träumte ein König davon, dass sein Land nur den „gesunden Menschen“ gehören sollte „und niemand sonst mehr Platz habe.“ Er begann seinen Traum umzusetzen:

 Bald schwärmten des Königs Heerscharen aus und nahmen alle Menschen mit, die nicht so waren, wie der König es wünschte: deren Haut und Haare dunkel waren und deren Kopf ein wenig umwölkt, die klein waren und mit krummem Gebein, die die Thora lasen anstelle der Bibel und mit den Händen sprachen statt mit ihrem Mund. Sie alle sollten verschwinden nach des Königs festem Willen, verschwinden und vergessen werden für nun und alle Zeit, die den Großen gehören würde, den Blonden mit blauen Augen, mit starkem Rücken und feinem Gehör.

 So wollte es der König und so dienten ihm die Ärzte, die Wissenschaftler und Soldaten, die den Traum hinaustrugen in die Welt und das Licht verwandelten in Dunkel, das Bunt in Schwarz und Grau, die Freude in Trauer und Schmerzen und Angst.“

 Es ist gar nicht so lange her, dass ein solcher „König“ und seine Gefolgsleute in höchsten Positionen angenommen haben, dass es „minderwertiges“ und „unwertes Leben“ gebe. Hierzu zählten die Gehörlosen. Diese Meinung führte zu Zwang und schrecklichsten Taten in diesem unseren Land.

 Das Leben von Gehörlosen, so in diesem so eindringlich traurigschönen Märchen, ist nicht besser und nicht schlechter, „es war anders, ein wenig, und doch reich und bunt und schön.“ Jeder, so heißt es da, „war gut und richtig auf seine ureigene Art.“ Was ist es beruhigend, solche Zeilen zu lesen, in diesen vom Braunschweiger Klinikum aufgewühlten Zeiten.

 In einer Stellungnahme des Braunschweiger Gehörlosenverbandes schreibt dieser, in der Gehörlosengemeinschaft sei durch diese Androhung „sehr viel Angst und Unruhe verbreitet.“ Das sieht man auch in den zahllosen Reaktionen im Netz.

 Im zweiten Fernsehbeitrag sagt die betroffene Mutter am Ende, der erste Verhandlungstag habe sie beruhigt und die Richterin habe einen sehr netten Eindruck gemacht. Da möchte man ganz fest an das Ende in Winnys Märchen glauben, in dem es heißt: „Noch hoffe ich – auf Einsicht, Recht, Gerechtigkeit in einem Land, in dem ich leben mag, in dem ich Kinder gerne wachsen seh´. Auf Regenbogenfunkelbunt.“

Uwe v. Stosch / GIB ZEIT e.V. / 27.11.2017

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Bundeselternverband gehörloser Kinder e.V.: Stellungnahme CI -Zwang

https://gehoerlosekinder.de/wp-content/uploads/2017/11/Stellungnahme-BGK-CI-Zwang.pdf

 

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Deutschlandfunk Kultur

INTERVIEW | Beitrag vom 23.11.2017

Eltern verweigern Cochlea-Implantat

"Keine Gefahr des Kindeswohls" ohne Hörprothese

http://www.deutschlandfunkkultur.de/eltern-verweigern-cochlea-implantat-keine-gefahr-des.1008.de.html?dram:article_id=401436


Deutschlandfunk Kultur

Wo Inklusion aufhört

Der Schulhof

von Elin Rosteck, Die Reportage/Beitrag vom 19.11.2017

http://www.deutschlandfunkkultur.de/wo-inklusion-aufhoert-der-schulhof.1076.de.html?dram:article_id=400917

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Zwangs-OP: Gehörlosenexpertin kritisiert Jugendamt

22. November 2017 von 

http://regionalgoslar.de/zwangs-op-gehoerlosenexpertin-kritisiert-jugendamt/

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Anhörung im Goslarer Amtsgericht/Familiengericht

Zwangsimplantation bleibt vor Gericht

20.11.2017 Karin Kestner

http://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2017/Zwang_zur_CI_Implantation_2.htm

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Entscheidungsprocedere zur CI-Operation in Niedersachsen

Prof. Dr. Christian Rathmann, 19.11.2017

Stellungnahme:

https://twitter.com/crathmann/status/932207137748549632/photo/1?utm_source=fb&utm_medium=fb&utm_campaign=crathmann&utm_content=932207137748549632


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Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e.V.

"Wir sind für das CI, aber niemals gegen den Willen der Eltern - das kann auch gar nicht funktionieren" - Dr. Roland Zeh | Präsident der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft e.V. 

Stellungnahme:

https://www.facebook.com/DCIGEV/posts/1598456253510546


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     Androhung einer Zwangsimplantation

 

Angesichts der Meldungen über den Chefarzt der HNO – Klinik in Braunschweig, Prof. Dr. Gerstner, der gehörlose Eltern beim Jugendamt angezeigt hat, weil sie ihr Kind nicht einer CI – Implantation unterziehen wollen, und der anstehenden Gerichtsverhandlung hierzu, möchte ich folgende Gedanken ausführen:

Pamela Witcher schrieb einmal in einem Gedicht:

 Gehörlos zu sein wie ich bedeutet,

die Musik durch die Farben des Regenbogens zu sehen

und durch die Strahlen des Sonnenscheins.

Den Rhythmus fühle ich in den Flügeln eines Adlers,

den Geist sehe ich im heulenden Wind.

Ihr, die ihr eine vorgefasste Meinung

gegen die stille Welt habt,

die das Eigentum eines gehörlosen Menschen wie mir ist,

wollt ihr mir sagen, wie es sich anfühlt,

wie es sich anfühlt, als gehörloser Mensch zu leben?...

Gehörlos zu sein wie ich bedeutet,

fähig zu sein, den gesamten Zauber in der Welt selbst zu sehen…

Gehörlos zu sein wie ich bedeutet,

die Schönheit des Lebens durch meine Augen in Stille einzufangen.“ (Hervorhebung durch den Verfasser)

 

Eine vorgefasste Meinung, die haben nicht wenige Menschen, das war so und wird immer so sein. Erst Begegnungen können einem neue Einsichten erschließen und man bekommt eine Ahnung davon, wie reich und vielfältig das Leben ist, wie viele Türen sich gerade dort öffnen, wo man es sich vielleicht gar nicht vorzustellen vermag.

 Die von Geburt an gehörlose Französin Emmanuelle Laborit beschreibt eine solche sich ihr öffnende Türe, als sie damals mit sieben Jahren zum ersten Mal einem gehörlosen Erwachsenen begegnete:

 „Mit der Gebärdensprache habe ich einen unschätzbar wertvollen Schlüssel gefunden, der mir die unermessliche Tür aufschließt, die mich von der Welt trennte…

Mein Französisch ist ein wenig gestelzt, die Gebärdensprache ist meine eigentliche Sprache. Dieser Wörtertanz im Raum gehört eher zu meinen Gefühlen, ist meine Poesie, mein innerstes Ich, meine wahre Ausdrucksform.“

 Eine vorgefasste Meinung, die haben viele Menschen. Jeder von uns kann sie haben, gerade deshalb ist es so wichtig, offen zu bleiben für neue Erfahrungen und Einsichten, und zu sehen, wie viele Möglichkeiten das Leben bietet.

 Die hörende Mutter eines gehörlosen Kindes schrieb:

 „Als ihre Mutter bin ich sehr stolz auf meine Tochter und ihre Leistungen, aber mehr als alles andere bin ich ihr dankbar, dass sie mir so viele Dinge beigebracht hat, die ich sonst nie erfahren hätte. Sie befähigte mich dazu, besser zu verstehen, was wirklich wichtig ist im Leben.“

 Eine vorgefasste Meinung hat ganz offensichtlich Prof. Dr. Gerstner. Doch er geht einen entscheidenden Schritt zu weit, einen Schritt, der weg vom Leben führt und geradewegs in den Abgrund des menschlichen Zusammenlebens.

Er zeigt Eltern beim Jugendamt an, die ihr gehörloses Kind keiner CI-Implantation unterziehen wollen. Er umschreibt es mit den folgenden Worten:

 „Die entsprechenden gesetzlichen Vorgaben, die für uns wie für jeden anderen in dieser Position gelten, sehen gerade bei diesen Patienten vor, dass in Fällen, in denen eine medizinische Behandlung gravierenden Einfluss auf die Lebensführung haben kann, weder der Behandler noch die Sorgeberechtigten nur allein und unbegleitet eine Entscheidung treffen, sondern eine fachkundige Unterstützung hinzugezogen werden kann.“

 Das klingt alles auf den ersten Blick wie ein verantwortungsbewusstes Plädoyer, der „Behandler“, also er, benötigt ja ebenso eine „fachkundige Unterstützung.“ Holt er sich diese, wenn Eltern eine Implantation ihres Kindes wünschen? Welche fachkundigen Menschen sind das? Er schreibt am Ende das Wort „kann“. Dies steht im klaren Widerspruch zu seiner Anzeige beim Jugendamt, er schreibt „kann“ und meint „muss.“

 Es ist offensichtlich, dass das Leben eines gehörlosen Kindes nach Meinung Dr. Gerstners nicht gut sein kann. Er, der „Behandler“, glaubt, dass er durch seine medizinische Behandlung die Lebensführung des gehörlosen Kindes gravierend zu beeinflussen vermag, selbstredend zum Besseren.

 Dass ein „Behandler“ so denkt, ist das eine, jedoch ist es etwas ganz anderes, wenn der so Denkende sein Denken zum Maßstab setzt und Menschen, die anders denken, mit dem Jugendamt droht. Er erwähnt die „fachkundige externe Unterstützung“ nicht als Hilfsangebot, sondern im Zusammenhang damit, dass die Eltern (und nur um die geht es ihm) allein eine Entscheidung hier nicht treffen dürfen. Er droht ihnen also mit Zwang.

 In der UN - Behindertenrechtskonvention stehen unmissverständlich im Artikel 3 unter anderem folgende drei wesentlichen Grundsätze:

 „Die Achtung der dem Menschen innewohnenden Würde, seiner individuellen Autonomie, einschließlich der Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, sowie seiner Unabhängigkeit.

 Die Achtung vor der Unterschiedlichkeit von Menschen mit Behinderungen und die Akzeptanz dieser Menschen als Teil der menschlichen Vielfalt und der Menschheit.

 Die Achtung vor den sich entwickelnden Fähigkeiten von Kindern mit Behinderungen und die Achtung ihres Rechts auf Wahrung ihrer Identität.“

 Zu den Staaten, die als erste (2007) unterzeichnet haben, zählte auch Deutschland. Inzwischen ist die Konvention von über 130 Staaten ratifiziert worden.

 Bereits 2010 schrieben wir in einer Stellungnahme (siehe www.gibzeit.de/Archiv/2006 bis 2010/ zu einem Artikel von Sabine Müller und Ariana Zaracko („Haben gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein Cochleaimplantat?“:

 „Unserer Meinung nach dürfen weder gehörlose noch hörende Eltern in diesen sensiblen Fragen zu etwas gezwungen werden. Sie brauchen einfühlsame Beratung, konkrete Hilfsangebote und Ermutigung. Ganz gleich ob sie sich für die Implantation ihres Kindes entscheiden, oder ob sie keine Implantation für ihr Kind wünschen, sie sollten in jedem Fall die Unterstützung bekommen, die sie benötigen, und vor allem Respekt.“

 Dem ist nichts hinzuzufügen. Wir werden die weitere Entwicklung genau beobachten und hoffen, dass das Gericht im Sinne der Eltern entscheidet und Bezug nimmt auf die oben angeführten Vorgaben der UN - Behindertenrechtskonvention.

Uwe von Stosch / Barbara Mekhneche,GIB ZEIT e.V., 12.11.2017



       Vom Märchen, das kein Märchen war

Es war einmal zu einer Zeit, als die Welt dunkel war und grau und braun, da lebte in einem Land nicht weit von hier ein König. Der König war klein und dunkel und hatte einen großen Traum: Er wollte, daß alle Menschen seines Landes groß seien und blond und blauen Auges, dazu gesund an Körper, Seele und Geist. 

Er träumte, der König, jeden Tag und jede Nacht – und eines Tages beschloß er, daß der Traum kein Traum bleiben sollte, daß sein Land nur den großen, blonden, gesunden Menschen gehören sollte und niemand sonst mehr dort Platz habe. Sofort begann er, seinen Traum umzusetzen, rief die Ärzte und Gelehrten seines Landes zusammen und entwarf mit ihnen einen schlimmen Plan: All jene, die nicht seinen Wünschen entsprachen, wurden nicht länger geduldet im Land und sollten es verlassen auf diese oder jene Art. 

Bald schwärmten des Königs Heerscharen aus und nahmen alle Menschen mit, die nicht so waren, wie der König es wünschte: deren Haut und Haare dunkel waren und deren Kopf ein wenig umwölkt, die klein waren und mit krummem Gebein, die die Thora lasen anstelle der Bibel und mit den Händen sprachen statt mit ihrem Mund. Sie alle sollten verschwinden nach des Königs festem Willen, verschwinden und vergessen werden für nun und alle Zeit, die den Großen gehören würde, den Blonden mit blauen Augen, mit starkem Rücken und feinem Gehör. 

So wollte es der König und so dienten ihm die Ärzte, die Wissenschaftler und Soldaten, die den Traum hinaustrugen in die Welt und das Licht verwandelten in Dunkel, das Bunt in Schwarz und Grau, die Freude in Trauer und Schmerzen und Angst. Sie nahmen den Kindern die Eltern und Eltern ihr ungeborenes Kind, sie schnitten und bohrten und nähten sie zu, brandmarkten die Körper und Seelen auf Jahre, Jahrzehnte hinaus. 

Selbst als der König gestorben war, ging der Alptraum der Menschen weiter, die anders waren und bleiben wollten als des Königs Ideal. Die sich gut dabei fühlten und es richtig fanden, mit den Händen zu sprechen statt mit dem Mund, die mit den Augen hörten statt mit ihren Ohren und ihr Leben liebten ganz so, wie es war. Es war nicht besser, das Leben, nicht schlechter – es war anders, ein wenig, und doch reich und bunt und schön. 

Sie sahen das funkelnde Blau des Himmels und das strahlende Sonnengelb, das Grün und Braun und Bunt des Bodens und all die Schönheit des Dazwischen. Sie fühlten das taufeuchte Gras unter den Füßen, das rauhe Holz eines alten Baums, die Wärme der Sonne auf ihrer Haut und die weiche kleine Kinderhand vertraut in ihrer großen. Sie spürten die Größe und Weite der Natur, die tiefe Freundschaft zueinander, das Klopfen ihrer Herzen beim Anblick des geliebten Menschen – und sie wußten, es war gut, wie es war, wie sie waren, wie jeder Mensch um sie herum auch war. Jeder war gut und richtig auf seine ureigene Art. 

Doch der Traum des bösen Königs war nicht mit ihm gestorben, er hatte Wurzeln geschlagen und war getrieben in den Köpfen des Einen und Anderen, die der König gerufen hatte und die ihm gefolgt waren noch über den Tod hinaus. Sie sannen und suchten auch weiterhin, den Menschen zu perfektionieren, ihn auszuwählen und herzurichten nach des Königs geträumtem Bild. Sie verbargen das Braun hinter weißen Westen, trugen Kittel in Weiß und Grün, sie schnitten und bohrten und nähten sie zu, die zu ihnen kamen, gebracht und getragen, die Stille zu tauschen gegen den Ton. Viele wurden es mit den Jahren, vor wenigen nur machten sie noch Halt – und eines Tages war es so weit: „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt!“

Die Gewalt trägt nicht mehr Musketen und Säbel, sie fährt keine Panzer, zerbombt nicht die Stadt. Die Gewalt sitzt in Ämtern und hohen Gerichten, trägt Akten und Roben und roten Talar. Sie richtet und rechtet, spricht Schuld und Unschuld – und ist nun gerufen im Namen des Traums, zu richten über Bunt und Braun, Taub versus Ton, das Recht auf „So bin ich, so will ich sein!“ für Groß und Klein oder dessen Nicht-dein-Recht. In einem Land, in einer Zeit, nicht weit von hier. Ganz ohne Grimm, ganz ohne Andersen. Noch hoffe ich – auf Einsicht, Recht, Gerechtigkeit in einem Land, in dem ich leben mag, in dem ich Kinder gerne wachsen seh‘. Auf Regenbogenfunkelbunt. Und darauf, daß ein Märchen stets ein gutes Ende nimmt.

© Winny Stenner, 12.11.2017

 

Gerade hat eine Mutter auf openPetition eine Initiative unterschrieben, die sich gegen CI-Zwang für Kinder ausspricht, da ein HNO-Arzt Eltern beim Jugendamt angezeigt hat, weil sie ihr 2-jähriges gehörloses Kind nicht implantieren lassen möchten. Der Fall ist vor dem Familiengericht gelandet. Ein Präzedensurteil wäre fatal, auch für unsere Tochter. 

Unterzeichne auch du:

https://www.openpetition.de/petition/online/stop-ci-zwang


Kein fiktiver Fall!

Eine Richterin soll über beidseitige Implantation eines zweijährigen gehörlosen Kindes gehörloser Eltern entscheiden

Karin Kestner, 10.11.2017

https://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/2017/Zwang_zur_CI_Implantation.htm


Zwangsimplantation in Braunschweig?

Benedikt Sequeira Gerado, 10.11.2017

http://www.taubenschlag.de/2017/11/zwangsimplantation-in-braunschweig/


   

Stellungnahme von Prof.Dr. Rathmann

 Die Stellungnahme meinerseits wird vor dem 20. November 2017 herausgegeben. Im Vorfeld möchte ich mir erlauben klarzustellen, dass (a) die Abgabe der Anzeige von Prof. Dr. med. A. Gerstner aus berufsethischen Gründen unzulässig ist und (b) in der internationalen Forschung unumstritten ist, dass die Verwendung des Cochlea-Implanats für die Sprachanbahnung nicht automatisch erfolgsversprechend und somit nicht im Ganzen entscheidend ist. Ebenso plane ich, meine Beschwerde bei der Ethikkommission und der ärztlichen Direktion des städtischen Klinikums, beim Behindertenbeirat der Stadt Braunschweig (Herrn Kaiser, h.kaiser@behindertenbeirat-bs.de) und bei der Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen in Niedersachsen (Frau Wontorra, landesbeauftragte@ms.niedersachsen.de) einzureichen.

"Prof. Dr. med. Andreas Gerstner, der Chefarzt der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik des städtischen Klinikums Braunschweig, hat Eltern beim Jugendamt angezeigt, weil sie sich kein Cochlea-Implantat für das Kind wünschen. Das Jugendamt hat den Fall dem Familiengericht übertragen. Am 20. November 2017 gibt es eine erste Anhörung in einem südniedersächsischen Familiengericht." (Quelle: http://www.taubenschlag.de/2017/11/zwangsimplantation-in-braunschweig/)


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20 Jahre Familienbetreuung durch Barbara

 

Es sind im September 2017 genau 20 Jahre vergangen, seit Barbara Mekhneche unsere erste Familie, Familie Bornemeyer (in Neuss) am 17.09.1997 kennengelernt hat.

Bei den Buchstaben, die zum Namen GIB ZEIT geführt haben (neben der für uns genauso wichtigen Bedeutung des Namens an sich), war der Buchstabe B für „Begegnung“ (von hörenden Eltern gehörloser Kinder mit gehörlosen Erwachsenen) immer ganz besonders wichtig. Bei diesem Zusammenkommen wuchs das „B“ über sich selbst hinaus, traf doch Barbara mit der Familie Bornemeyer zusammen, die Mutter Birgit trägt seit vielen Jahren als Mitglied des Vorstands gemeinsam mit anderen unseren Verein. Aber zurück zum Anfang.

Lisa war damals 10 Jahre alt und hatte so gut wie gar keine Sprache, es hieß sie sei „kommunikationsunfähig“. Kommunikationsunfähig? Das gab es für Barbara nicht. Sie sagte zu, zu kommen, und jeden Mittwoch um 15 Uhr stand sie seitdem vor der Tür, das

stand unumstößlich fest.Mit den Worten des Vaters Klaus gab es „für Lisa endlich einen Tag, wo sie im Mittelpunkt steht, und sie freut sich die ganze Woche auf den Mittwoch.“ Nur einmal, im ersten halben Jahr, war Lisa unzufrieden. Sie war mit ihrer Familie im Urlaub in der Schweiz, es war Mittwoch, 15 Uhr, doch wo war Barbara?

Der Kontakt zu Lisa und ihrer Familie ist geblieben, all die 20 Jahre, viel haben Barbara, Lisa und ihre Eltern gemeinsam erlebt und unternommen. Die Bornemeyers erzählen, sie haben kurz vor der ersten Begegnung „Stumme Stimmen“ von Oliver Sacks gelesen, ein Buch, das sie nie vergessen werden. Dieses Buch empfahl ihnen eine gemeinsame Bekannte, die danach den Kontakt zu uns empfahl. Es war ein ganz besonderer „Zufall“…

Als Barbara herein kam, so Birgit, wusste sie alle prägnanten Dinge, man musste gar nicht viel besprechen, sie wusste es einfach, es war phänomenal: „Sie kam rein und wusste worum es geht.“ Barbara wiederum war glücklich, hier waren Eltern, die ihr Kind so annahmen wie es war, die offen für Gebärden waren. Birgit sagt, es war so gut, Barbara hatte als gehörlose Mutter ein hörendes Kind im ähnlichen Alter wie Lisa, es war genau umgekehrt, sie konnte vieles so gut verstehen, was in der Erziehung nicht einfach ist, sie kannte es alles. Die Eltern brauchten nicht mehr zu verzweifeln, sie fühlten sich verstanden. Für Lisa war es auch ganz wichtig, zu sehen, dass Barbaras Tochter hörte und die Mutter nicht.

 Barbara fand seit ihrer Begegnung mit dieser Familie ihre Berufung. Birgit weiß, dass viele „schwere und arbeitsreiche Jahre“ folgten, in denen Barbara sich fortbildete und alles dafür tat, um gut gerüstet ihre Arbeit zu tun. Sie hatte eine schwere Schulzeit gehabt, in der Gebärden verboten waren. Birgit sagt, die Freude an der Arbeit hat ihr die Kraft gegeben, den Weg zu gehen. Sie erkennt Problematiken ganz schnell und findet einen guten Mittelweg, in jeder Situation neu. Für die Familie Bornemeyer wurde Barbara der „Dreh- und Angelpunkt“, ein „Anker“ für alles, was im Leben geschah und genau das, ein Anker, das ist sie auch für uns.

 Barbara ist ein fester Bestandteil unseres Vereins, wir erleben die Freude auch und sind sehr glücklich, sie mitten unter uns zu haben. Es ist längst kein normaler Verein mehr, keine normale Arbeit, was es ist – da gibt es fast keine Worte. Unzählige Familien folgten der ersten Familie, und wir wünschen uns sehr, dass es noch lange so weiter gehen kann.

An dieser Stelle ein ganz dickes Danke an Barbara und an die Familie Bornemeyer, wir freuen uns, dass es damals zu dieser Begegnung kam und sich diese Türe geöffnet hat.


Unsere vierte GIB ZEIT-Aktion

findet am 14. Oktober 2017 in Oberhausen um 14 Uhr statt.

Tickets: http://www.gasometer.de/de/tickets

Wer Interesse hat, bitte bis 13.10.17 bei Barbara, Jürgen, Lixia und Uwe anmelden.  


Unsere dritte GIB ZEIT-Aktion

Wer Interesse hat, bitte bis 03.07.17 bei Barbara, Jürgen, Lixia und Uwe anmelden.  AUSGEBUCHT!

GIB ZEIT Aktion polizeitagin Leverkusen 2017
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                                                                             Impressum: GIB ZEIT e.V., Kerckhoffstr. 127, 45144 Essen, E-mail: uwe.stosch (at) gibzeit.de                                                                                                                                              © GIB ZEIT  1997-2018,  Alle Rechte vorbehalten